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Stephan Hasslinger

„Bodycon und Antiqua“

 

Sa 24.4.21     17:00 Uhr

 

Leider muss die für Samstag geplante Vernissage mit Stefan Hasslinger aus Freiburg Corona bedingt entfallen.

Die Installation kann jedoch im Häuschen besichtigt werden.

Glänzende Beine. Anarchische Gegenwart. Stephan Hasslingers Auftritt beim KUNSTdünger in Rottweil-Hausen.

Stephan Hasslinger ist Keramiker, doch als Keramiker ist er ein Ketzer. Er tut, was man nicht tun sollte, wenn man ein treuer Vertreter des Genres sein will. Was er an seiner Sache hat, sieht man Hasslinger an. Und den Mut an der Grenzüberschreitung. Jedes Wand- und Bodenstück, jede seiner ausgewachsenen Stelen sagt mit gehöriger Lautstärke, dass er sich nicht darum schert, was andere als keramischen Standard betrachten – was die Lehrer und Moralisten des Schönen zur „guten Form“ erklären. Was sich vor unsern Augen tut, schamlos wölbt, metallisch glänzt und schillert, sich windet, kringelt und in sich selbst verstrickt, aus biegsamen TonwurstSträngen plastische Arabesken webt: Es ist das alles physisch. Physisch gedacht und gemacht. Es ist mit den Händen gefunden. Die vielfarbig glasierten Dinggebilde, selbst auch die kleinsten, provozieren, brennen sich ein. Optische Penetranz, so sieht sie aus. Man stößt sich daran und sieht sich im Handumdrehen eingenommen. Sieht sich angesteckt von der Lust, die der Macher verrät, bei jeder tönernen Schlaufe und Körperbucht oder Rundung. Wo sie unter sich sind, bilden die Dinge dichte Ensembles. Wo sie auf anderes stoßen, wird man sie nicht bloß „unter anderem“ oder wehrlos unterlegen sehen. Sie haben die Kraft, Räume an sich zu ziehen. Einen stuckverzierten barocken Schlosssaal machten sie sich einmal zu eigen. In einer archäologischen Lehrsammlung, angesichts einer Phalanx von Gipsabgüssen antiker Skulpturen, stand eine einzelne Hasslinger‘sche Säulenfigur beileibe nicht auf verlorenem Posten. Und so war denn auch dieser kleinste denkbare Ausstellungsraum, die Telefonzelle in Rottweil-Hausen, kein wirkliches Wagnis. Die bewährte Penetranz, die optische Wirkungspotenz lässt das hier eingebrachte Objekt-Trio sich in der starken Klammer des Gehäuses mehr als behaupten. Und die Zelle wird der Gruppe gar zum Verstärker. Zum Resonanzraum der Installation. Die Szene en plain air erinnert mich an ein Bild, das ich lange vergessen hatte. „Departure“ des kanadischen Malers Alex Colville zeigt einen Ausblick auf das Meer, und vor der weiten Meeresfläche am menschenleeren Pier neben einem Hafenpoller eine Telefonzelle im Vordergrund. Darin steht eine Frau; durch die gläserne Tür sieht man den Rücken. Ein Frachtschiff hat eben abgelegt und bewegt sich gegen den Horizont. Der Titel meint diese Abfahrt. In der Figur der telefonierenden Frau ist, was passiert, lakonisch als Trennung beschrieben. Die Frau spricht oder lauscht in den Hörer, den man nicht sieht. Als Gegenüber bleibt nur die blecherne Telefonzellenrückwand. „Departure“ ist eine Metapher der Abwesenheit. In Hausen steht eine Telefonzelle ohne Fernsprecher im Grünen. Die Leitung ist gekappt, die Zelle abgekoppelt vom System fernmündlicher Kommunikation. Und was wir hier erleben, das hat nun gerade nichts mit „Departure“ gemein. Es ist dies kein Bild der physischen Absenz und der Leere. Die telefonlose Kabine zeigt sich als komprimiertes Gegenüber – Bildnis brachialer Präsenz. Da ist das rot und silbrig strahlende Zwillingspaar, das die Namen zweier karibischer Inseln trägt: „Barbuda und Antigua“. Und in der Höhe nimmt die Kabine ein, was Stephan Hasslinger eine „Säule“ nennt und „Embellished Bodycon“ betitelt. Bodicon, kurz gesagt, ist eine Art Kleidung, die im Modejargon „figurbetont“ heißt, die den Körper herausstellt, eher ausstellt als verhüllt. (Das con steht als Kürzel für consciosness, was die Körperbetonung aus einem Körperbewusstsein herleitet.) In Colvilles „Departure“ trägt die Frau ein leichtes Sommerkleid, das ihren eingekapselten, in der Zelle von allem anderen abgeschnittenen Körper nur noch hervorkehrt. Bei Hasslinger wird die Physis dagegen triumphal ins Spiel gebracht. Seine körperhaften Objekte sind nicht isoliert, sie stehen im Fokus, sie haben die Schaulust auf ihrer Seite. Als Betrachter der Telefonzelle sind wir ins bilderotische Geschehen mit hineingezogen. Die Plastik animiert den Blickkontakt. Ein Meter neunzig misst, was man vor sich hat; Vorbild war ein Stiefel, hört man. Es steht da auf einem gewagt kleinen Fuß oder Absatz ein überdimensionales, stiefelartiges Bein wie eine Frau auf Highheels. „Body awareness“ konzentriert sich in dem gespannten Aufrechtstehen. Mit wachsender Körperhöhe weiten sich die aufeinander gestapelten keramischen Ringe. Ein informelles Geschlinge der Wandung in Grau-Violett und ein von der Textur einer Borte gefasster Spalt lassen ins Innere sehen. Warum der Einblick? Er sei ihm ein „Bedürfnis“, sagt Stephan Hasslinger. Das Maschenwerk schließt das hohle Innen wie selbstverständlich ein. Und die tönern-textile Hülle, die sichtlich keinen Körper bedeckt: Sie ist der Bildkörper. Nicht zuletzt legt der Blick offen, dass die keramische Säule ein Konstrukt ist. Deutlich wird, wie sie sich aufbaut, wie es ihr möglich wird, dass sie aufrecht steht und gar auch in der gegebenen Größe einen sicheren Stand hat. Die Substruktion, das der Außenhaut unterlegte Gerippe zeichnet sich ab. Was unter den knetenden Händen aus der geschmeidigen irdenen Masse entsteht, kommt ohne das konstruktive Kalkül nicht aus. Auch das soll klar sein. Das Bild vom Körper ist ohne Körper-Bau nicht möglich.Als Inselstaat bilden die Inseln Antigua und Barbuda eine politische Einheit, und wie ein Paar Schuhe oder zwei Beine gehören die auf einem Sockel vereinten „Barbuda und Antigua“ zusammen. Die Figuren sind Pendants – Hasslinger spricht von „Schachfiguren“, „Schachfigurenschuhen“ –, doch muten sie auch wie Fragmente an. Man mag vielleicht, wenn man den opulenten Dekor betrachtet, an die legendären, die viel beschriebenen zwei Damen des venezianischen Malers Vittore Carpaccio denken. Die aberwitzig hohen Plateauschuhe, die der Renaissancemeister ins Bild rückt, kehren bei Stephan Hasslinger als silbrig glänzende und tiefrote Beinstümpfe wieder. In das Glasurrot mischt sich das Schwarz des verwendeten Tons. Mit keramischer Plastik ist nun die Telefonzelle prall gefüllt. Wer sich einlässt – wer offen schaut, den trifft eine Ladung optischer Sensation. Was man beim Boxen Puncher nennt, das ist Hasslinger als Ästhetiker. Seine Sinnlichkeit wirkt schlagartig. Wirkungstreffer sind seine Dinge. Dabei ist das keramische Medium die fügsamste weiche Materie. Stephan Hasslinger, 1960 in Marburg geboren, kannte sich mit Stein aus und arbeitete mit Stahl. An der Hochschule der Künste Berlin war der Tonplastiker Lothar Fischer einer seiner Lehrer. Fischer zu folgen, lehnte Hasslinger ab. Ein Werkstipendium am European Ceramic Work Center im niederländischen s‘Hertogenbosch ließ ihn aber dann – 1993 war das – den Werkstoff in seiner Möglichkeit begreifen. Gesucht habe er, so sagte er einmal, „nach einem flexibleren Material, das der wahren Welt näher steht“. Ton schien ohne weiteres handhabbar, unprätentiös und versprach die gewünschte Nähe. Weit entfernt ist Hasslingers Keramik von ideologisch befrachteter Erdverbundenheit, die konfektionierte Romantik des sogenannten Ursprünglichen sagt ihm nichts. Die optische Indezenz, mit der er auftritt, resultiert aus der ungenierten Paarung organischer Formen mit schriller Künstlichkeit. Das handwerklich gefertigte Ding, es wildert in der Welt der Mode, des Körperdesigns. Ausgiebig bedient sich der Plastiker der Kanäle der Bildvermittlung. Er konsultiert Magazine, Warenkataloge und selbstverständlich das Internet. Doch ganz gleich wo er Anregung findet – und selbst wenn er Altkleider sammelte in New York oder Paris –, immer wird etwas Eigensinniges daraus. Hasslinger reproduziert nie. Was er aufnimmt, verwandelt er rigoros. Der weibliche Körper und seine Inszenierung fesselt ihn. Ihn fragmentiert er und zitiert im Pars pro Toto. Was an Stiefel, Korsage, Slip, künstliche Fingernägel oder Netzstrümpfe erinnert, es hat die Strahlkraft des Fetischs. Undins Feld der Assoziationen spielen sich Gedanken an etwas wie Kühlergrill, Kokon oder Spaghetti al Pomodoro ein. Das sinnlich Provokante kann ins Groteske kippen und gern mal am Kulinarischen nippen. In einem Essay (im Katalogbuch „Stephan Hasslinger. Paisley“, 2017) sprach Stephan Berg von „mäanderndem Linienkörper“, „Ornamentkörper“, „Texturen des Begehrens“. Man möchte auch sagen, dass der ornamentale Erotiker Hasslinger, der Fäden in Form von Tonwülsten spinnt, ein Textilforscher sei. Plastische Substanz entwirft und testet er in Sichtweite zum körpernahen Gewebe. Dabei stehen seine aus Ton gewirkten Dinge aber eben nicht stellvertretend für Korsage, Stiefeletten oder sonst etwas. Als textile TonhüllenKörper stehen sie allein für sich. Markus Brüderlins große kulturhistorische Ausstellung „Kunst & Textil“ (2013/14 in Wolfsburg und Stuttgart) machte den Konnex von Webkunst und künstlerischer Moderne deutlich. Als die Bildkunst begann, ihre Begründung in sich selbst zu suchen, kam sie auf das Gewebe. Im Flächenornament entwarf sie sich neu. In Faktur und Textur stellte sich das Bild als das bildnerisch Gemachte heraus. Der Kurator Brüderlin aktualisierte die Geschichte, die er erzählte, wenn er auf die virtuelle Verfremdung der Lebenswelt in Folge forcierter Digitalisierung verwies. Um dann von da aus auf ein wachsendes Verlangen nach dem Handgefertigten zu schließen, „nach dem Abgleich mit der Hand, die die Welt sinnlich ,begreift‘“. Ein neues „Bedürfnis nach Sinnlichkeit“ erklärte der Ausstellungsmacher. „Kunst & Textil“ verstand sich als kunstgeschichtlicher Widerpart zum hegemonialen Anspruch des Virtuellen. Und passen Stephan Hasslingers wirkungsstarke, zur Hüllenfigur emanzipierte keramische Texturen denn nicht präzis in diesen von Brüderlin skizzierten Zusammenhang? Die körperliche Welt des Bildes ist, was sich beim Freiburger Plastiker wieder und wieder beglaubigt. „Embellished Bodycon“ und „Barbuda und Antigua“ sind Inseln sinnlich anarchischer Gegenwart. Ja, da ist etwas unvermittelt und aufrührend vor Augen. Einfach durchdringend da sind die Inseln. Von „Departure“ kann da nicht die Rede sein.

Volker Bauermeister