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Aktuelle Ausstellung

21.7.18      Jürgen Palmtag

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Rede von Bodo Schnekenburger

Es ist eine schöne Redewendung jüngerer Zeit: «Ich glaub‘ ich sitze im falschen Film» ist ebenso platt wie tiefgründig. Sie ist platt, weil sie – wie vieles, das als launig, pointiert, en vogue, angesagt oder wie auch immer man sagen mag, bezeichnet wird – nur mit großem Energiebedarf nachvollzieht, was man einfacher haben könnte. Es auszusprechen, tut allerdings manchmal einfach nur gut. Dem Unmut Luft verschaffen, oder die Verwunderung ausdrücken hilft, Stress abzubauen.

Wenn es ein Gegenüber trifft, wird diesem die Befindlichkeit seines Kommunikationspartners mit einem Schlag klar. Also ist «Ich glaub‘, ich sitze im falschen Film» doch eine ganz praktische Floskel. Und dann spielt sie natürlich noch mit einem Bild, das uns ein Leben lang begleitet. So gesehen ist dieser meist emotional hingeworfene Satz unvermutet tiefgründig: «Seinen Film fahren» bedeutet umgangssprachlich so etwas wie seinen Willen, seine Befindlichkeit, seine Berufung, seine Aufgabe in seiner eigenen Art zu verfolgen und durchzusetzen. Es drückt ein hohes Maß an Identität – echte kann es freilich nie geben – zwischen Innen und Außen, zwischen Persönlichkeit und Handeln aus. Die Redewendung mit dem «falschen Film» deutet also an, dass etwas in Unordnung geraten ist. Der «eigene Film» passt nicht in die übergeordnete Szenerie. Es geschieht etwas Unvorhergesehenes. Eine vorbereitende Antizipation ist nicht möglich. Das ist übrigens auch das Mittel, mit dem in Filmen, also solchen, die wir uns anschauen, Spannung erzeugt, Erschrecken herausgekitzelt wird. Das bedeutet auch: Wenn wir uns solche Filme zur Unterhaltung anschauen wollen, begeben wir uns absichtlich in diese Situation. Wir erwarten, ja wir hoffen darauf, dass uns eine Form von Unordnung dargeboten wird.

Geht es Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, auch so? Dann sind Sie heute hier richtig. Jürgen Palmtag «schiebt seinen Film». Für den «KUNSTdünger» hat er sogar einen Film gemacht. Zumindest so eine Art von Film. Aber das ist sowieso Palmtags Film: So eine Art Film machen. Mit Bildern spielen. Aus einem ganzen Fundus von Bildern eine Zusammenstellung schaffen, die eine Geschichte erzählt. Die Einzelbilder selbst sind tatsächlich Filmstills, komponierte oder zufällige Fotos, teilweise grafisch oder malerisch überarbeitete Fotos, oder eben Aufnahmen von Zeichnungen oder Malerei.

Wenn wir uns vor Augen führen, dass ein Film, das so genannte «Bewegtbild» technisch gesehen ja nichts anderes ist als eine Abfolge von Bildern, die uns zur Verfügung gestellt wird, können wir konstatieren, dass der Künstler uns tatsächlich einen Film zeigt. Es nimmt uns zwar keine Software oder kein mechanisches Gerät die Aneinanderreihung dieser Bilder ab, und auch die Anzahl der zur Verfügung stehenden Bilder reichte nicht aus, um ein wirklich ruckelfreies «Bewegtbild» generieren zu können, doch sonst passt alles.

Sogar die Anordnung hier für die Installation im Häuschen auf dem «KUNSTdünger». Jürgen Palmtag zeigt uns so eine Art Filmstreifen. Der Trailer ist ein Still, ein Plakatmotiv, geheimnisvoll, verunsichernd. Es deutet die Unordnung an, die uns erwartet. Vielleicht wird uns die Bedeutung dieses Motivs auch erst klar, wenn wir den Film zu Ende geschaut haben. Vielleicht erschaudern wir. Den Soundtrack dazu hat er auch geliefert. Kein guter Film ohne Geräusche, ohne Musik. Wer den Film «Melancholia» gesehen hat, dem wird vielleicht aufgefallen sein, wie Lars von Trier die Abfolge der Bilder und Schnitte in Einklang mit dem Vorspiel zu Richard Wagners «Tristan und Isolde» gebracht hat. In der Musik wird immer wieder auf den «Tristan»-Akkord verwiesen. Es ist ein bisschen so, als würde dieses Klangstruktur den Film zusammenhalten.

Genau so ist es bei Jürgen Palmtag. Sicher, die Musik hört sich anders an. Sie speist sich aus unterschiedlichen, auch biografisch zu begründenden Einflüssen. Aber wir haben gesehen, dass ja auch die Bilder andere sind.

Jürgen Palmtag schiebt seinen Film und stellt uns gewissermaßen einen Teil zur Verfügung. Er hat sie wie eine Art Anwendung aufbereitet. Zugänge gibt es viele. Schon der Titel mag ein Hinweis sein: «WALDENDYSTOPIA» heißt der Streifen. Das ist ganz anders, aber eben nicht minder suggestiv wie zum Beispiel «Melancholia», oder von mir aus auch «Kettensägen-Massaker». Und da sind wir schon beim nächsten Punkt, der das mehrteilige Projekt ganz tief im Werk von Jürgen Palmtag verankert. Schon immer spielt das Wort darin eine Rolle. Sicher ist (Wort-)Sprache in einer bestimmten Form als Konvention ein wichtiges Medium der Kommunikation. Wir können uns, wenn wir uns der Konvention anschließen, darauf verlassen.

Schon die Übertragung in andere Sprachen birgt allerdings Risiken. Bestes Beispiel ist vielleicht das Wort «Wald». Auch andere Sprachen haben ein Wort für «Wald». Das Bild, das ein Anwender vor Augen hat, wenn er in Süditalien von «foresta» spricht, hat nichts mit dem zu tun, das uns geläufig ist, wenn wir «Wald» sagen und vielleicht den Schwarzwald oder den Heuberg denken – oder uns einfach in diesem Moment nur umschauen. Und wenn wir mit unserem Freund in Luleå telefonieren und von «skog» sprechen, wird dieser Kollege in Nordschweden wieder ein anderes Bild denken. Dennoch ist alles das richtige Wort für das Bild von «Wald». Die Konvention ist, was einzelne Wörter betrifft, nur bedingt eindeutig, obwohl jedes Wort definiert ist.

Das alles gäbe Material genug. Palmtag geht aber noch einen Schritt weiter. Er spielt mit dem Wortklang. Seine Neuwörter klingen teilweise vertraut. Es entsteht zwanglos ein Bild, unsicher, vielleicht verstörend, aber immerhin. Diese Wörter sagen, wenn man sie an der klassischen Determination abgleicht, streng genommen nichts. Und doch erzählen sie uns.

Bei «WALDENDYSTOPIA» hilft immerhin noch der zweite Teil, etwas sicherer zu werden. Das «Dystopie» verheißt ein schlechtes Ende der erfundenen, in der Zukunft liegenden Filmgeschichte. Und «Walden» wird schon irgend etwas mit «Wald» zu tun haben. Das liegt ein bisschen im Zeitgeist und ein bisschen auch an unserer Landschaft. In der Kombination ergibt sich ein Gegenbild zur Idylle eines touristisch bestens erschlossenen Landschaftsausschnitts. Ja! Wahrscheinlich serviert uns der Künstler einen Horrorfilm. Das würde doch passen. Gleichen wir das Kunstwort an den Bildern ab und lassen wir die Musik dazu auf uns wirken.

Lassen wir uns überraschen. Wir werden feststellen, dass in dem Film, den Jürgen Palmtag spielt wir zwar nicht vorkommen, er die Anwendung eines Ausschnitts daraus aber so gestaltet hat, dass wir ihn mit unseren Bildern anreichern können – und müssen. Das schiebt uns aus der Rolle des Konsumenten in die Funktion des Schöpfers, der mit auf unterschiedlichen Ebenen vorhandenen Material Neues schafft. «WALDENDYSTOPIA» wird zum personalisierten Film. Jeder von uns kann damit seinen eigenen Film schieben, für den der Künstler eine gewisse Rahmenhandlung vorgibt.

Noch eine letzte Überlegung möchte ich anstellen. Lange Zeit hat das Thema «Steinbruch» den Künstler Jürgen Palmtag beschäftigt. Ein Steinbruch hält einen ganzen Kosmos an Materialien vor. Farben, grafische Elemente, kompakte oder fragmentierte Körper, Geräusche – aus einem Steinbruch lässt sich viel schöpfen. Man kann, abstrahiert gedacht, ein Leben in einem Steinbruch verorten, oder eben das ganze Leben als Steinbruch interpretieren. Vor einigen Jahren drängte ein anderes Thema den Steinbruch in den Hintergrund: Film hat Jürgen Palmtag schon immer fasziniert. Nicht die schönen, wertvollen künstlerisch ausgetüftelten Streifen, eher der Trash, die B-Movies, die billig produzierten, schlechten Filme. Gerne dazu noch aus dem Horror-Genre. Das sind dann die Filme, bei denen die Schreckfiguren in lächerliche Objekte mutieren, die Geschichte ungewollt komisch wird. Diese Ambivalenz ist tatsächlich faszinierend und wird von Palmtag gerne bespielt.

Gehen wir schließlich davon aus, dass man das Leben aus menschlicher Sicht auch als Film verstehen kann: Wir denken in Bildern, selbst wenn wir Wörter schreiben. Wir machen eigentlich alles in Bildern, ja haben selbst Farben als Bild vor Augen, wo es doch als Konvention zum Beispiel die genau definierte Druckbeschreibung oder die Wellenlänge gibt. Aber denken wir wirklich alle exakt den selben Farbton, wenn ich jetzt «55/0/30/0» sage? Oder vielleicht «450 nm»? Wohl kaum. Deshalb haben wir eben unseren eigenen Film, der Teil eines großen Films ist. Genau wie in diesem Moment hier an dieser Stelle in der Auseinandersetzung mit Jürgen Palmtags «WALDENDYTOPIA».

In der Hoffnung, Sie damit nicht in einen falschen Film geschickt zu haben, bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen viel Spaß bei der Premiere.

Vergangene Ausstellungen

Germain Roesz

les points cardinaux

14.4.18

14. Oktober     Andrea und Nikolaus Kernbach

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Rede von Clemens Ottnad M.A.

Andrea Kernbach & Nikolaus Kernbach

KUNSTdünger, Rottweil Hausen ab 14.10.2017

Eröffnung: Freitag, 14. Oktober 2017, 17.00 Uhr

Für das aktuelle Projekt des Rottweiler Kunstdüngers hat Nikolaus Kernbach eine schwerlastige Steinarbeit aus dem Jahr 2002 mit dem Titel Raumbruch 1 auf dem hiesigen Skulpturenfeld platziert, Andrea Kernbach dagegen eine eigens für den Innenraum des Hausener Ausstellungshäuschens geschaffene Installation aus Graupappen unter der Bezeichnung Stapel draußen eingerichtet. Auf den ersten Blick also könnten die Gegensätze scheinbar gar nicht größer sein: Stein auf der einen Seite – Papier auf der anderen, hier Naturstoff – dort Industriematerial, hart – weich, schwer – leicht, drinnen und draußen, fest geglaubte Stabilität und offenbar labile Schieflage. Wer sich jedoch mit den Arbeiten des Künstlerpaares Andrea und Nikolaus Kernbach (1951 in Ravensburg bzw. 1955 in Köln geboren) näher befasst, wird schnell merken, dass es über die gängigen Wahrnehmungskonventionen hinaus zahlreiche Annäherungen im Werk der beiden heute in Aulendorf lebenden Künstler gibt. Fast könnte man bereits die Betitelungen der zwei genannten Objekte untereinander austauschen, als Andrea Kernbachs schichtweise Verstapelung gewissermaßen ebenso einen Raumbruch erzeugt, der sich gegen das von Glasflächen eingehegte transparente Gehäuse des Kunstdüngers wendet, wie umgekehrt Nikolaus Kernbachs Steinestück im Feld in Wirklichkeit gar kein kompaktes Ganzes vorstellt, sondern eine beinahe unsichtbare Zusammenschichtung eines ursprünglich einmal kohärenten Blockes und es damit doch irgendwie genauso ein Stapel da draußen ist.

Sollten wir dennoch weiterhin auf die im Allgemeinen geläufige Sichtweise beharren, Stein und Gestein, Felsen und Berge stünden nur und ausschließlich für das ewig Unabänderliche, öffnet Nikolaus Kernbach in der Werkstatt denn auch genüsslich sogleich eine große Kiste, die massenhaft den pulverisierten Staub enthält, der vom Bohren und Sägen seines Werkstoffes übrigbleibt. Über Jahrmillionen – ja bisweilen über Milliarden von Jahren – haben sich die feinsten Sedimente des Gneis Schicht über Schicht angelagert und erst allmählich unter hohem Druck verfestigt. Die diversen Bearbeitungsprozesse des Künstlers drehen somit leichterhand das Rad der Zeit bis zu den Ursprüngen der Erdgeschichte wieder zurück – der zermahlene Staub Urstoff des Gesteins.

Und im Grunde nichts wesentlich Anderes als eine Art der Sedimentierung geschieht bekanntlich auch bei der Papierherstellung. Papier, Pappe – das von Andrea Kernbach für dieses Projekt verwendete Material ihrer Verschichtung verfestigt sich zwar in deutlich kürzerer Zeit, wird jedoch ebenso aus kleinsten Bestandteilen von Holz, Fasern und Fäden zu einer breiigen Masse angerührt und schließlich zum stark verdichteten Werkstoff verpresst. (Dabei weiß doch jedes – mindestens nach 1960 geborene – Kind, dass es mit der allgemeinhin unterstellten Verlässlichkeit von Materialeigenschaften gar nicht so weit her sein kann, wenn es seitdem schon die Spatzen von den Dächern singen, dass Marmor, Stein und Eisen bricht, … – doch das gehört jetzt nicht hierher.)

Aber á propos Kinder: Soziologen und Psychologen betonen ja seit jeher, dass jedem/jeder von uns von klein an eine unbändige Experimentierlust angeboren ist (die uns dann allerdings oft genug durch gesellschaftliche Normen, der damit verbundenen Erziehung, Schule und beruflichen Karriere jählings ausgetrieben wird). Nach den einschlägigen Untersuchungen jedenfalls setzt im Allgemeinen im Alter von ungefähr 16 Monaten der allgemeine sogenannte Stapeltrieb ein; die allseits (wenigstens Eltern) bekannten Entwicklungsstufen lauten demnach in der Fachliteratur: Inhalt-Behälter-Spiel, später vertikales Bauen und Stapeln, danach horizontales Bauen, und zuletzt die Kombination all dessen, nämlich von vertikalem und horizontalem Bauen. Das dann doch eher lapidar klingende Fazit der Mediziner lautet zur dieser Vorgehensweise: „Gestapelt wird, um herauszufinden, welche Konstruktionen funktionieren.“

Nichts Anderes beabsichtigen Andrea und Nikolaus Kernbach; sie wollen herausfinden, welche Konstruktionen funktionieren, und sie tun dies bis an die Grenzen des Möglichen. Genau das ist das Bestechende an den Arbeiten der beiden Künstler, dass sie sich die – inzwischen komplex gewordene und kenntnisreiche – Lust am Experiment (bis an die Grenzen des Möglichen), das Ringen um ein Gelingen ebenso wie auch das Hinnehmen eines Scheitern noch immer bewahrt haben. Nikolaus Kernbach bearbeitet den Steinblock so, dass er an den vorgegebenen Bändern bricht, er aus diesem Block Raumvolumen entnehmen kann, um die Einzelteile hinterher wieder so zusammenzufügen, als wäre nichts geschehen. Wie von Zauberhand hat sich der naturhafte Gneis – eines der ältesten, metamorphen Felsgesteine – in ein architektonisches Konstrukt verwandelt, ohne dass es (etwa durch plane Sägeschnitte oder Polituren) seinen natürlichen Ursprung dabei je verleugnen würde. Im Bewusstsein der Mehrteiligkeit der Arbeit (ohne jegliche Verbindungssysteme), die massivere Platte zuoberst die darunter liegenden Körper belastend und zudem noch abschüssig am Hang des Feldes aufgebaut, befällt den Betrachter – wie häufig bei Kernbachs Arbeiten – Skepsis, ob dieses zeithaltige Gefüge denn tatsächlich stabil, haltbar, unverrückbar sei; die scheinbare Schwere wird in Leichte aufgehoben.

In der Massivität nun der mannigfachen Schichten des Stapels draußen von Andrea Kernbach im Häuschen ballt sich umgekehrt der Materialverbund zu ebendieser und ungeheuren Schwere zusammen und ist so ganz und gar nicht mehr von Pappe. Die sorgsam kalkulierte Schieflage wurde zunächst in langwierigen Versuchsanordnungen rundumsichtig im Atelier simuliert, um dann vor Ort installiert zu werden. Auch hier erweckt der offenkundige Spin, die Drehung der leicht versetzten Schichtung des Aufgetürmten eine Spannung, ob wir es ernsthaft wagen wollen, die Tür zu öffnen, ohne dass uns das kunstvoll errichtete Gebilde darin unhaltbar entgegenstürzte und sich selbst zerstörte. Ist der von Andrea Kernbach verwendete Ausgangsstoff auch industriell gefertigt und dient zumeist als Unterlage für technische Apparate, für die Buchproduktion oder andere Zwecke, vermittelt er hier eher einen auch dem Stein verwandten naturhaften Eindruck, als die Papplagen von der Künstlerin von Hand gebrochen werden. Statt also nur maschinengeschnittene exakte Kantenlinien an den Tag zu legen, fasern die Seiten vielmehr auf, unregelmäßig, rauh, weich, flaumig, und verweisen auf die eigentliche Herkunft der Pappe – und Pappe kommt vom Papp, dem Brei nämlich und dessen flüchtiger Konsistenz – wieder zurück.

Diese die diversen Werkstoffe betreffenden Grundfragen können freilich mühelos auch auf die Grundfragen menschlichen Tuns und seine Existenz überhaupt übertragen werden: die Fragen nach Werden und Vergehen, Stabilität und Zerbrechlichkeit, Sicherheit und Wagnis, Ruhe und Bewegung, ein Gelingen und ein Scheitern von Lebensarchitekturen. Insofern sind wir alle in einem Fort noch immer in dem besagten pädiatrisch festgestellten Modus verhaftet, beständig herausfinden zu müssen, welche Konstruktionen wirklich funktionieren. Die Kernbach’schen Konstruktionen funktionieren in jedem Fall!

Clemens Ottnad M.A., Kunsthistoriker

Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg

Zeitungsbericht von Thomas Borstorff

Plastik und Skulptur

Neue Arbeiten am KUNSTdünger

Seit dem Wochenende präsentiert das Aulendorfer Künstlerpaar

Andrea und Nikolaus Kernbach zwei Arbeiten in Rottweil-Hausen. Andrea Kernbach formte mit der Arbeit „Stapel draußen“ eine Installation

im Ausstellungshäuschen. Nikolaus Kernbach dagegen platzierte seine große Skulptur „Raumbruch 1“ auf der Wiese. Die Einführung zu beiden Ausstellungsobjekten übernahm bei der Vernissage Clemens Ottnad.

Für die Installation wurden annähernd gleichgroße, quadratische Graupappen übereinander gestapelt, sodass im Innern des Häuschen ein bis an die Decke reichendes, turmartiges Gebilde entstand.. Das Instabile dieser Konstruktion wurde deutlich betont, da sich der Stapel stark zur Seite beugte und am oberen Ende nur noch von der Innenwand des Gehäuses gestützt wurde.

Die zur Plastik addierten Graupappen mit teils ausgefransten Kanten lassen Rückschlüsse auf die manuelle Bearbeitung des Materials zu und vermitteln einen gewissen experimentellen Charakter. Ein bisschen fühlt man sich an Gestaltungsprinzipien von Arte Povera und Minimal Art erinnert.

Ganz anders präsentiert sich die auf der Wiese liegende, schwere Skulptur von Nikolaus Kernbach. Sein Material ist der Stein, oft Granit oder Gneis, seine künstlerischen Grundprinzipien sind „Ordnendes Analysieren und Bauen“ .

Nach dem Absprengen von Rohblöcken im Steinbruch werden diese in der Werkhalle zu einzelnen Schichten gespalten und gebrochen.

Zusammengesetzte Schichtplatten werden zudem auf der Säge eingerichtet, um zusätzliche Einschnitte zu ermöglichen. Der Schnitt steht im Gegensatz zum Bruch: planbar, steuerbar und im Ergebnis vorhersehbar. So entsteht auch auf der Wiese beim „Raumbruch 1“ ein Zusammentreffen von Bruch- und Schnittflächen. Es ergibt sich ein gestalterischer Wechsel von Natürlichkeit und Lebendigkeit der äußeren Bruchflächen zu den glatten, gesägten inneren Schnittflächen.

Andrea und Nikolaus Kernbach sind auch bei Ausstellung Turm Bau I& II im Dominikanermuseums vertreten. Hier bietet sich eine vergleichende und durchaus lohnende Betrachtung an. (T.B.)