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Vorschau 2017:

 

14. Oktober     Andrea und Nikolaus Kernbach

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Aktuelle Ausstellung

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Rede von Clemens Ottnad M.A.
Kunsthistoriker und Kurator

Matthias Lutzeyer Farbkörper KUNSTDÜNGER, Rottweil Hausen ab 22.07.2017 Eröffnung am Samstag, 22.07.2017, 17.00 Uhr

In der illustren kunsthistorischen Gesellschaft der Schwarzmaler kann sich Matthias Lutzeyer mit Fug und Recht wohlfühlen. Nichts weniger als das Ende der Malerei, den endgültigen Bruch mit allen gängigen Darstellungskonventionen hatten sie in der Vergangenheit ja bereits mehrfach angekündigt: schon vor mehr als 100 Jahren etwa Kasimir Malewitsch mit seinem Schwarzen Quadrat (um 1915), später – im Kontext des sogenannten Radical Painting – verstärkt in den 1970er Jahren, und dann immer wieder neu, wenn beispielsweise – wie bei Ad Reinhardt – von den Letzten Bildern
die Rede war. Dabei weist so manch altgedienter Verfechter der angeblich so endzeitlichen Schwarzmalerei bis heute – eine große Ausstellung von Pierre Soulages ist nicht weit von hier im Donaueschinger Museum Art Plus zu sehen – genüsslich darauf hin, dass doch bereits Steinzeitmenschen in ihren Höhlen im Dunkeln mit Kohle, also schier Schwarz auf Schwarz, schon vor zehntausenden von Jahren ihre Zeichnungen hinterlassen hätten.

Dass nun gerade den Künstlerinnen und Künstlern um die Jahrhundertwende um 1900 die überzeitliche Bedeutung ihrer  Farbe (Schwarz) so bewusst war, zeigt sich im Falle von Malewitsch exemplarisch darin, dass seine schwarze Quadratur – immerhin eine der Inkunabeln der modernen Bildkunst – der Tradition der orthodoxen Kirche entsprechend in der seinerzeitigen Ausstellung der Galerie Dobytschina in Petrograd (heute wieder: St. Petersburg) in einer Kabinettecke schräg an oberster Position präsentiert wurde, jenem Platz also, der dem theologischen Ritus nach eigentlich der wichtigsten Christus-Ikone vorbehalten war. Gottlos oder nicht formulierte Malewitsch dazu selbst: „Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld […]

Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“

Bei Pierre Soulages dagegen klingt das völlig anders: „Schwarz hat eine tragende Rolle, etwa im sozialen Kontext. Aber das hat nichts mit der Malerei zu tun. Offizielle Amtsträger tragen etwa Schwarz; zugleich ist es die Farbe der Anarchisten. Im Westen ist Schwarz die Farbe der Trauer, dagegen ist im Osten Weiß die Farbe der Trauer. Die Farbe Schwarz ist auch eine Farbe des Festes: der Abendrobe bei den Damen. Schwarz steht für den Luxus, aber auch für das Gegenteil: Bei einer Benediktinerin, die eine schwarze Kutte trägt, ist es die Farbe der Strenge und Kargheit. In der Malerei ist das etwas anderes. Da ist Schwarz die aktivste Farbe überhaupt. Wenn man Schwarz neben eine dunkle, aber andere Farbe setzt, dann wird diese Farbe heller. Als ich Kind war, habe ich mit einem Pinsel schwarze Tuschestriche auf ein Papier gemalt. Als man mich fragte, was ich da male, habe ich geantwortet: Schnee. So wurde mir jedenfalls erzählt, und alle haben darüber gelacht. Meine Intention war es das Weiß des Papiers durch die Farbe Schwarz weißer leuchten zu lassen.“

Weitaus schwieriger wird es angesichts der Arbeiten von Matthias Lutzeyer, der es uns aber auch nicht leicht macht. So gern hätten wir ihn – unseren gängigen kunstgeschichtlichen Schubladisierungen gemäß – als Bildhauer kategorisiert, er aber bezeichnet sich hauptsächlich als Maler. Auf der Vorderseite der Einladungskarte lesen wir so noch bestätigend „Matthias Lutzeyer – Farbkörper“ (ah ja, dreidimensional, Plastik, jawohl!). Auf der Rückseite folgt jedoch die Zurücknahme alles Gedachten auf dem Fuß, wenn von „plastischer Malerei“ des 1959 geborenen und in Stuttgart lebenden Künstlers gesprochen wird. Was denn nun, mag man sich da fragen?

Und in der Tat sieht Matthias Lutzeyers Arbeit so aus, als wäre hier in Rottweil Hausen ein irgendwie außerirdischer Komet meteoritengleich niedergegangen (ohne allerdings das Dach des Kunstdünger-Gehäuses ungebührlich zu beschädigen). Im Unterschied zu den asterioden Trümmerhäufen im Weltall ist es bei Matthias Lutzeyer

aber nicht die Gravitation, die ein stoffliches Gemenge zusammenhält, sondern schlicht Eisenoxydschwarz und Rußschwarz und Leinöl auf Holz; keine Unterkonstruktion, kein Gerüst, kein Material und finanzielle Mittel schonender Umgang damit, kein Fake und alles echt! Schwarz, schwarz, schwarz, wie es ist, schimmert es doch in vielen anderen dunklen Farben, je nach Standort und Blickwinkel immer verschieden, die geballten Volumina, Öffnungen und Poren der Form mal so und mal ganz anders dem einfallenden Licht und unseren wechselnden Blicken preisgegeben.

Das Atelier unseres Künstlers gleicht dabei eher einer alchimistischen Hexenküche – auf der Suche nach dem Stein der Weisen – als einem herkömmlichen Maleratelier. Säcke und Fässer mit Pigmenten und Ölen gefüllt stehen dort, Bottiche und Eimer, eine riesenhafte Teigmischmaschine aus dem Bäckerhandwerk, allerhand Werkzeug und Gerätschaften, um Masse und Material Herr zu werden. Bildnerische Vorteige werden hier angerührt, halbfertiges Granulat in unterschiedlichen Größen gefertigt, vom plastisch pointillistischen Rohstoff, von klobig rauen Perlen bis hin zu kohlrabenschwarzen schweren Klumpen. Diese liegen in verschiedenen Formen, Größen und Graden ihrer Aushärtung zur Weiterbearbeitung vor und werden vom Künstler teils martialisch mit Hämmern und anderen Instrumenten, geschmeidiger auch unter Zugabe anderer Zutaten behandelt, um sie zu erweichen, zu zerstückeln und zum wie organisch wirkenden Bildobjekt wieder neu zusammenzufügen.

Doch sowohl die Wand- als auch die Bodenarbeiten Matthias Lutzeyers sind dabei auf Holztableaus (sozusagen als Bildträger, als Malgrund) aufgebracht, sodass wir es letztlich sehr wohl eben mit einer Art von – für die Malerei charakteristischen – Farbauftrag zu tun haben. Und bliebe man weiter in der Begrifflichkeit der Malerei, könnte man angesichts der so zustandegekommenen massiven Zusammenballung von Farbe beinahe sagen: Pastoser geht’s nimmer!

Vor diesem Hintergrund nun bin ich ganz und gar nicht einverstanden mit dem Statement des großen Kunstkritikers und Philosophen Boris Groys, der einst unter dem Titel Die arbeitslose Farbe über Matthias Lutzeyers Werke geschrieben hat: „Die neuen Techniken der Bildproduktion haben die Farbe arbeitslos gemacht. Und das Verdienst von Matthias Lutzeyer besteht darin, die Farbe schonungslos und konsequent in diesem arbeitslosen Zustand zu zeigen. Es handelt sich nicht mehr darum zu demonstrieren, wie die Farbe arbeitet, sondern wie sie aussieht, wenn sie nicht arbeitet.“ Meiner Ansicht nach arbeitet das lutzeyer’sche Schwarz sehr wohl (und wie!). Wie in wechselnden Aggregatzuständen gezeigt ist es soeben erst erkaltetes Farbenmagma oder fließt im nächsten Moment umgekehrt in einem feurigen Strom unaufhaltsam wieder weiter, wird zerklüftete Kraterlandschaft, inneres Körperorgan oder eben doch extraterrestrisch, erdig schweres Schwarz oder pulverisiert wolkiges Gebilde, heiliges Schwarz oder profaner Brennstoff, weich, hart, steinern, glatt oder schrundig; vielbeschäftigt in jedem Falle und dem Betrachter immer wieder neu die Schärfung der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit abverlangend.

Wie oft also auch noch das Ende der Malerei verkündet werden mag, es wird immer wieder ein – wie Soulages es sagen würde – O utrenoir geben, ein anderes Schwarz, ein Überschwarz jenseits von Schwarz, das lichthaltig zahlreiche weitere Farben in sich trägt. Matthias Lutzeyers Arbeit ist ein weiterer schlagkräftiger Beweis dafür.

Clemens Ottnad M.A., Kunsthistoriker Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg

ab 22. Juli     Matthias Lutzeyer „Farbkörper“

Geboren in Stuttgart

1980 – 81 Freie Kunstschule Stuttgart

1981 – 88  Studium an der Kunstakademie Stuttgart bei den Professoren Baumgartl, Mansen und Schubert

2004 Mitglied im Deuten Künstlerbund

    Er lebt und arbeitet in Stuttgart

http://lutzeyer.de
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